Was ich mir noch zu beweisen habe

Was hatte ich Respekt vor so vielen Leuten in Englisch einen Vortrag zu halten. Ich bin wegen dieser Sprache vom Gymnasium geflogen, habe es gehasst, das alles anders klingt als es geschrieben wird, und war froh, vor der Klasse nichts sagen zu müssen, weil meine Aussprache so grottig war.

Aber als mir jetzt jemand anbot den Vortrag zu übernehmen und anstatt meiner auf der Bühne zu stehen, habe ich abgelehnt, in einer Mischung aus gekränkter Eitelkeit und dem Drang es mir selbst zu beweisen. Und dieser Drang ist grösser als es mir oft angenehm ist, denn er ist es, der mich am Wochenende nicht entspannt über den See gleiten läßt, sondern mich antreibt möglichst schnell im Kreis zu segeln. Ich liebe das Regattasegeln keine Frage, aber es bleibt nun so aus der Distanz die Frage: warum mache ich das alles? Wettbewerbe, Karierrestreben, Anerkennung suchen.

Ich übte den Vortrag vor Pinky und der Familie, übte vor mir selbst und stand dann doch mit schweissnassen Händen vor 150 Amerikanern und mit fünf Chefs im Rücken an einem Podium. Im Vorfeld hatte ich noch mit einem der Chefs eine Meinungsverschiedenheit gehabt, was den Stresslevel nicht reduziert hat. Der Vortrag lief gut, aber danach erinnerte ich mich an einen Rat einer Freundin, den sie mir gab, als ich ihr sagte, mit ein Grund nach Amerika zu gehen, sei es, hier aus dem Alltagsstress rauszukommen. Sie bemerkte: „Pass dann aber auch auf, dass Du dir dort dann keinen Stress selbst machst.“ Die Gute kennt mich und so sagte ich mir mit so einer Art Vorsatz, mein Fokus muss wieder mehr meiner Muse gewidmet werden, ich muss wieder mit dem Fotografieren anfangen.

Die ersten Gehversuche habe ich ja in meinem letzten Blog gepostet, aber so allein vor mich hin zu fotografieren, war mir zu langweilig. Wie auch schon geschrieben, bin ich der Meinung dem Ridgewood Camera Club entwachsen zu sein und die Meetup Groups, wo sich Interessierte zum gemeinsamen Fotografieren treffen, haben mich auch nicht angesprochen. Nach all den Fotokursen, die ich in meinem Leben schon gemacht habe, war ich der Meinung das brauche ich nicht mehr, bis ich dann auf das Programm des International Centers of Photography gestoßen bin.

Der Titel „Advanced Street Photography: Finding your own voice.“ sprach mich an wie eine Schlagzeile in der Bildzeitung. Klingt doch schön, mit einem Hauch von einer Selbstfindungstheraphie und das Mitten in NYC 42 Strasse 6th Ave. Endlich wieder die eigene Mitte spüren, inne halten und etwas Kreatives machen, nachdem die Häkelphase etwas abgeklungen ist.

Aber so einfach anmelden ging aber nicht. Man muss erstmal ein Portfolio abgeben und wird dann beurteilt, ob man in Klasse passt. Das ist mir nicht neu, aber es bleibt die Verunsicherung: was macht das mit mir, wenn ich da nicht reinkomme. Als dann die Zusage mit den Worten kam, sie sind mehr als froh mich anzunehmen, war das Selbstbewusstsein wieder gross und ich ging mit ein paar Fotos in einem Karton zu meiner ersten Stunde.

Ich war zu spät, fand das Klo vorher nicht und stolperte in die Klasse. Der Dozent bat mich meine Bilder aufzuhängen und dann würden mir mit der Vorstellungsrunde beginnen. Mit einem Blick auf die anderen Bilder, wurde mir schnell klar, dass hier die große bunte Stadt gnadenlos zuschlägt. Hier wo die Strassenmusiker zu YouTube Stars werden, hier wo sich alle Kreativität konzentriert und kein Traum zu unrealistisch zu sein scheint. Ein pensioniert Psychologe, der Menschen auf der Strasse und im Museum so fotografiert hat, als wären sie aus Wachs modelliert. Der andere Rentner, der mit seinen abstrakten Schaufenster Reflexionen bald in einer Galerie in Chelsea ausstellt, zwei Profis die Fotografie studiert haben, eine Hornbläserin von der New Yorker Oper und und und… mit wunderschönen Serien, wo ich mich frage, was die in diesem Kurs machen.

Die holen sich Inspiration vom Meister: Natan Dvir

http://natandvir.com

Und da saß ich dann mit meinen postkartengroßen Bildern, die Muße war weg, alles war auch ein wenig hektisch, der Meister etwas nervös und temperamentvoll. New York, warum bist Du immer so grell, laut und ruhelos? Jetzt will ich hier natürlich nicht abloosen und der Erfolgsdruck steigt, wie zwei Minuten vor Startschuss bei der einer Regatta. Sucht die Herausforderung mich oder ich die Herausforderung? Und wenn Muße etwas nicht abkann, dann ist es Druck. Mal sehen wie sie mit Verzweiflung zurecht kommt.

_MG_1566Die Hausaufgabe war bei Nacht am Times Square zu fotografieren. Da treffen wir uns auch am nächsten Donnerstag. Am Samstag habe ich meine ersten Gehversuche gemacht und so fotografiert wie ich gerade tackte. Der Auslöser macht langsam klack, klack und die Stadt macht wusch…

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2 Gedanken zu “Was ich mir noch zu beweisen habe

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