Der Abschied

1997 war der Abschied und vor allem die Vorbereitung für meinen Auslandsaufenthalt ein Spaziergang. Das Visum habe ich vorher über eine Organisation beantragt und ohne grosse Formalitäten bekommen. Meine Familie freute sich für mich über die Chance mal was von der Welt zu sehen. Ein halbes Jahr Abwesenheit war für mich und mein Umfeld nicht mit einem groesserem Abschiedsschmerz verbunden.

Die Vorbereitung bestand hauptsächlich darin, einen Schalenkoffer aus Kunststoff zu beschaffen. Um ihn am Gepäckband besser unterscheiden zu können, gab es einen bunten Aufkleber drauf und damit er beim Verladen nicht aufgeht noch ein Band drum rum. Das war damals ganz wichtig.

Ich feierte in einer alten Zollhütte am Lech mit Freunden einen feuchtfröhlichen Abschied. Zwei dieser Freunde waren auch bei den jetzigen Verabschiedungen noch dabei: die Susi und der Axi. Es ist schön so beständige Freundschaften zu haben, die einen das Leben über begleiten. Ich hoffe Ihr besucht mich mal hier in NJ.

In 2015 waren beides die Vorbereitungen und die Verabschiedungen deutlich intensiver. In unserem administrativen Leben ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Bankkonto wechseln, Aktien nach USA transferieren und Depot schliessen, privat krankenversichern, elektronische Geräte verkaufen, Keller auflösen, Wohnung ausmisten, alles Kündigen was man mal abgeschlossen hat und in USA in anderer Form wieder eröffnen… Unser LOP-Liste hat 150 Punkte und ist noch nicht abgeschlossen. Der administrative Aufwand ist gigantisch und will auch hier in den USA kein Ende nehmen.

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Manche Sachen sind hier auch völlig diametral zu Deutschland. In Deutschland gibt es vergleichsweise wenig Privatklagen auf Schadensersatz. Dafür hat jeder eine Haftpflichtversicherung, falls das doch mal passiert, einen persönlichen Bankrott abzusichern. In den USA kann man verklagt werden, wenn du jemand einen heissen Kaffee drüber schüttest, aber eine Haftpflicht hat kaum einer.

In den USA bekommst du keinen Mobilfunkvertrag, wenn du nicht schon mal Schulden gemacht hast. Das Kreditrating bestimmt deine Teilnahme an der Konsumgesellschaft. Einen Fernseher werden wir deshalb nicht bar bezahlen, sondern schön in Raten abstottern. Dann verbessert sich das Kreditrating deutlich. Wer nur eine Kreditkarte besitzt, ist verdächtig. Je mehr Karten man hat, des besser das Rating und desto leichter kommt an weiteres Geld und Verträge. Wir springen jetzt bei jeder Amtshandlung mit einem Zettel von meinem Arbeitgeber rum, auf dem mein Gehalt steht und der bezeugt, dass ich seit Jahren schon in Lohn und Brot stehe. Das wirkt in Deutschland Wunder, hier interessiert das nur die Bank bei der Eröffnung eines Kontos. Es zählt nicht wieviel Einkommen man hat, sondern wie regelmäßig man seine Schuldner bedient. Als Schwabe mache ich aber nur ungern Schulden…

Die Schufa in Deutschland bewertet deine Einkünfte und deine Ausgaben sowie deine Kreditbedienung. Es zählt bei einem Kredit vor allem dein Barvermögen und Dein Einkommen. Macht für mich mehr Sinn.

Aber genug vom Konsum. Sich für drei Jahre zu verabschieden war schon deutlich schwerer als damals. Es ist nicht klar, ob ich meinen Grossvater wieder sehe und wer in drei Jahren von unseren Freunden noch in Muenchen ist. Meine Familie wird sich ohne mich weiterentwickeln und wir tun das gleich hier, ohne dass sie live dabei sind. Dafür hoffen wir auf intensivere Zeiten bei Besuchen hier in NJ und wenn wir nach Hause kommen. Man bewertet das was man hat bewusster, wenn man Abstand dazu hat.

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Wie schon ’97 haben uns meine guten Eltern zum Flughafen gebracht und uns verabschiedet. Diesmal waren wir exakt getimed am Flughafen, sodass wir nicht mal Zeit für die Lounge hatten. Es wurde mir erst so richtig klar, dass wir jetzt wirklich weg sind, als der Flieger über dem Atlantik war. Der Flug war direkt und super angenehm. Wir wurden von einem Fahrer abgeholt und zu BMW gebracht. Dort wartete ein 435i auf uns und ein schönes Appartement bis wir nach Hoboken ziehen können.

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’97 gab es erstmal einen Zwischenstopp in Philadelphia. Die Portionen im Flieger waren klein und ich hatte erstmal Hunger. An einem Kiosk gab es ein Turkey Sandwich. Als ich dann ein labbriges Weissbrot mit Putenschinken bekam, war ich schwer enttäuscht. Ich hatte hinter dieser Bezeichnung einen Doener vermutet:) Na gut dafür gab es am Automaten Bier! Ich holte mir die Dose „Root beer“ und Habe dieses uebersuesste Zeug fast wieder ausgespuckt. Der erste Geschmack von Amerika war furchtbar.

Mit einem winzigen Propellerflieger flog ich dann in ordentlichen Turbulenzen nach NYC. Am Flughafen in La Gardia wartete ich ewig auf den Praktikanten, der mich abholen sollte. Ich dachte schon, der Typ, den ich nur vom Telefon kannte, kommt nicht mehr. Als er dann nach zweieinhalb Stunden auftauchte, fuhren wir erstmal durch Manhattan.

So musste die dritte Welt aussehen: Zeitungen wehten durch Strassen, die mit Schlaglöchern übersät waren. Es war dreckig und Penner lagen in dunklen Strassenecken. Wir holten noch Freunde von ihm aus einer Kneipe ab und fuhren dann in die grüne Vorstadt nach New Jersey, wo ich nur noch schlafen wollte. Durfte ich aber nicht, meinten alle, wegen dem Jetlag. Durchhalten, sonst komme ich nie in dieser Zeitzone an. Wenn ich aber eines von daheim nicht kannte, dann war es Schlafmangel.

Schliesslich bin ich dann doch schlafen gegangen, um in einem neuen Lebensabschnitt aufzuwachen.

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