Prolog

Im Frühjahr 1997 trete ich mit 24 Jahren meine erste Flugreise in meinem Leben an. Ich bin in einer Kleinstadt bei Augsburg glücklich in einem gut bürgerlichen Haus aufgewachsen. Mir hat es an nichts gemangelt, aber eine Flugreise war damals mit der ganzen Familie ausserhalb unseres Budgets. Darum ist dies meine erste Reise aus Europa hinaus.

Zum Flughafen in Muenchen ist meine Mutter, mein Vater und mein Grossvater mitgekommen. Immerhin fliege ich für 6 Monate alleine in die USA und ein Flug ist noch etwas besonderes. Es ist mein erster grosser Schritt alleine in ein völlig unbekanntes Terrain.

Das sechsmonatige Auslandpraktikum in New Jersey, eine halbe Stunde von New York City entfernt, habe ich mir in München bei einer Automobilfirma erkämpft. Ich habe keine Ahnung was mich dort erwartet, kenne die USA und NYC nur wage aus Filmen. Ich mache das, weil ich in dieser Firma fest angestellt werden möchte und ich will etwas erleben, bevor es ins Berufsleben geht.

Laut Reisebüro sollen wir drei Stunden vor einem internationalen Abflug am Flughafen sein. Wir sind sicherheitshalber vier Stunden vorher da. Essen gehen wir nicht, hier ist es zu teuer und ich bekomme ja dann etwas im Flieger. So warten wir geduldig Stunden auf einer Bank bis ich einchecken kann und durch die Passkontrolle gehe.

US Abschied 1997

Als das Flugzeug dann endlich abhebt ist mir nicht bewusst was für ein Schritt das für mich sein wird. Ich stelle mir NYC so ähnlich wie Dallas aus der Fernsehserie vor: unpersönliche Bürobauten, sowie in Muenchen halt die grossen Häuser sind; kulturell ziemlich einseitig, sowie die Amerikaner halt sind. Mein Englisch ist denkbar schlecht. Ich bin deswegen zweimal in der Schule durchgefallen – hoffentlich kann ich mich verständlich machen.

Das kommende halbe Jahr wird mein Leben grundlegend verändern. Es wird einer der schönsten Lebensabschnitte und es wird ein halbes Jahr in dem ich gefühlt mehr erlebe, als die 24 Jahre zuvor. Ich suche danach immer wieder internationale Kontakte, kann fliessend Englisch, treffe hier auf die Stadt meiner Träume, heirate eine Frau, die in Amerika aufgewachsen ist, bereise mit einem anderen Blickwinkel die Welt, entdecke einen Sinn für Kunst in mir, mache wichtige Freunde fürs Leben und fühle mich zum ersten Mal richtig deutsch.

Als ich nach sechs Monaten gezwungener Massen wieder im Flieger nach Deutschland sitze. Gebe ich mir ein Versprechen: „Ich komme hier wieder zurück, komme was wolle!“

Es kam einiges. Aber nach 18 Jahren sitze ich hier mit Jetlag auf der Couch in NJ und habe das Versprechen eingelöst. Es ist ein gewagtes Unterfangen, der 42 jährige trifft hier an jeder Ecke auf den Praktikanten mit 24 (oder wie er in seiner Erinnerung war). Es kann hier vieles an Erinnerung zu Bruch gehen, viel relativiert werden und ich komme jetzt nicht wie das letzte Mal völlig frei von Erwartungen an.

Aber vor mir liegt zusammen mit meiner Frau wieder ein weisses Blatt Papier und eine halbe Stunde von hier die bunteste Stadt der Welt.

Dieser Blog, und ich hoffe ich komme regelmäßig dazu, wird diesen Prozess des Erinnerns und Neuerlebens begleiten. Mal sehen was diesmal hier entsteht.

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